Mein BUDAPEST 2014 - von Thomas Zacharias

War das die Wachablösung? Dem Straddle der Todesstoß? Flopper Dusan Prezelj beherrscht den Flop wie kaum einer in der Seniorenszene. Flüssig im Umlenken aus der Waagerechten in die Flugbahn, eher ein Abheben als Abspringen. Extrem kurz der letzte Schritt. Rund um die Latte herum, eher ein „Umqueren“ als Überqueren. Genial wie Fosbury, Stones, oder Mögenburg. Oder Vlasic. Kein Kraftakt. Reines Können. Eine Augenweide für die vollbesetzte Tribüne in der Nordkurve Halle B. Und ich, der Straddle-Nestor? In Hochstimmung, leicht wie eine Feder, schnell wie eine Katze - und komme nicht vom Boden hoch. 19 Tage vorher noch knapp an 1m67 gescheitert, jetzt bei 1m55 die ersten zwei Fehlversuche! 1m61 auch erst im Dritten, mit Wackeln. Und bei 1m64 keine Chance.  Vermutlicher Grund: falsches Training. Naiv zu glauben, in zwei Wochen noch an Stützkraft etwas zulegen zu können. Runtertrainiert anstatt hochgeruht. Verdient nur Zweiter. Enttäuscht aber nicht im Geringsten vergrämt. Wann hatte ich das letzte Mal einen ebenbürtigen Gegner? Als Senior nie. Und früher hab ich dann auch meistens verloren. Nichts Neues also. Eher vertrautes Schicksal.

(Foto: Barbara Schlosser)


Dusan ist Slowene. Sein Sohn springt 2m32. Und er sprang vor zwei Jahren noch gute 70-er Höhen. Bevor er sich im Lendenbereich operieren lassen musste. Er war also nicht einmal richtig in Form. Kommt er, dann springt er den 65-er WR weit eher als ich. Und in Izmir haut er mir wieder auf die Mütze. Bald kommen auch Flopper, die meine alten Rekorde wegputzen. Und dann: Straddle Addiöh.

Bei den M75, da lebt er noch, der Straddle. Da sieht man noch die vielen Unentwegten, Unverdrossenen, Bibeltreuen. Und begeistert wie Jugendliche kommentieren sie ihre Sprünge und die der Anderen, tauschen technische Ansichten und Absichten aus, machen Vorschläge, damit jeder sein Bestmögliches erreicht. Fiebern mit, stöhnen auf, wenn die letzte Latte fällt. Bewundern die Besseren.

Und ich inkognito mitten unter ihnen auf der Springerbank. „Der Särndal – der springt perfekt. Grad wie Brumel. Echt.“ Begeisterung strahlt aus den Augen eines gerade Gescheiterten. Und dann ist er dran, Carl-Erik. 2007 war er Welt-Senioren-Leichtathlet mit WR für 70-Jährige und WM-Titel. Auf den Zentimeter genau wie ich als 60-Jähriger. Er Rekord mit 1m59 und 1m56 beim Titel. Ich, Rekord mit 1m80 und 1m76 beim Titel. Na immerhin. Ein Hochspringer macht auch mal das Rennen.

Hier in Budapest sehe ich ihn zum ersten Mal und bin etwas enttäuscht. Tolle Sprungkraft, schnelles, extrem hohes Schwungbein. Aber Anlauf/Absprung unrhythmisch, Überquerung chaotisch. Hier siegten seltene Begabung und große Begeisterung  trotz gravierender technischer Mängel über manch Einen, der es besser konnte. Zum Beispiel Hans Miekautsch aus Österreich/Süd-Afrika, der zwar nur 1m34 schaffte, dabei aber richtig gut aussah. Hab mich dann am nächsten Tag lange mit Carl unterhalten. Haben erzählt von früher, vom Privaten und vom Denken über Technik und Training. Mein Gott, wenn ich so unbekümmert, ja unbedarft, ans Werk gehen würde, hätte ich als  Hochspringer nie was geschafft. Und der Carl schüttelt das aus dem Hosenbein. Und wie so oft muss ich denken: „Dem sein Talent und mein Fleiß und Wissen – das wäre auf ewig eine unschlagbare Mischung.“ Aber Gott hat die Begabungen nun mal getrennt verteilt. Aufdass die Gesellschaft eben arbeitsteilig und so am besten funktioniere. Da muss man sich fügen.

Thomas Zacharias

 

Ergänzung der Medaillenplätze des Hochsprungwettkampfes M65. Thomas Zacharias wurde zweiter, da er mehr Fehlversuche hatte als Dusan Prezelj.

1. Dusan Prezelj (SLO) 1.61m; 2. Thomas Zacharias (GER) 1.61m; 3. Gerhard Wenzke (GER) 1.58m.