Th. Zacharias: Hoffentlich nur ein erster Schritt

Thomas Zacharias (M65) reflektiert das Zustandekommen seines Hochsprungweltrekord in Zaragoza am 8. März 2014 

Wollte ja schon im Winter auf Lanzarote starten, aber erstens war ich total außer Form und zweitens war das Stadion wegen Umbau lange gesperrt, und dann lag der einzige Wettkampf in den Abendstunden. Und da reicht das Flutlicht nicht, weil es nur auf das Fußballfeld ausgerichtet ist und die Latte so von hinten anstrahlt, dass man sie nicht einmal als dunklen Strich erkennt.

Dann sollten es die Deutschen in Erfurt sein, aber Grippe und Hexenschuss zwangen mich, die Flüge verfallen zu lassen. Theo Nieder, mein Weggefährte seit 1970, gewann mit beachtlichen 1,59 m. So musste es nun gestern die spanische Meisterschaft sein, wo es manch freudiges Wiedersehen gab.

Schon bei 1,56 m wackelte die Latte und ich dachte schon, mir sei nach 17 Tagen ohne Training der Saft ausgegangen. Es lag aber wie immer an technischen Mängeln, die ich bei einem miesen Versuch über 1,59 m glücklicherweise erkannte. Glück war auch, dass der Sieger der Klasse M55 just bei dieser Höhe am Ende war, so dass ich nun um 2 Zentimeter steigern durfte. Pech hatte er, denn wenn ich nicht dabei gewesen wäre, hätte er frei auflegen und auf spanischen Rekord gehen können. Sein letzter Versuch über 1,59 m hätte für die 1,57 m wohl gereicht.

Bei 1,61 m zahlten sich die Korrekturen aus und der Versuch war ermutigend. Dann endlich Weltrekordhöhe.  Der US-Amerikaner Jim Gilcrist (19.3.1993) und der Österreicher Horst Mandel (11.3.2001) halten sie mit 1,62 m. Einundzwanzig, respektive  dreizehn Jahre durften sie sich daran erfreuen. Horst! Wenn Du das hier liest: Respekt, Pardon und Danke für den Anreiz! Im zweiten Versuch ging ich sicher und technisch ziemlich gekonnt über 1,63 m. Aber dafür allein war ich nicht 333km von Valencia nach Zaragoza gefahren.

1,70 m hab ich offenbar noch nicht drauf, aber ein bisschen mehr sollte es schon noch werden. Die Meute der Kollegen stand hinter mir, das war bei den ersten Gratulationen unverkennbar. Ich musste sie abwehren: „Da geht noch was!“

Der Flug über 1,65 m im zweiten Versuch war genau so gelungen wie der über 1,63 m. Jetzt hatte sich die Reise wirklich gelohnt, aber 1,67 m – das wäre doch wirklich gut, schließlich müsste ich nach der Alterstabelle bei 1,68 m stehen. Ich war voll gesammelt, aber nun fingen die Kampfrichter an zu rotieren, sie wollten das Messgerät überprüfen um auch ja nichts falsch zu machen. Mein eigenes Maßband musste herhalten, um die Eichung vorzunehmen. Alles in Butter. Nur bei mir war der Faden gerissen.

Direkt neben mir begann man den Kugelstoßsektor herzurichten. Im zweiten Versuch wurde plötzlich das Publikum lebendig. Klatschen, Tröten, eine Pauke – na gut, das lenkt mich furchtbar ab, aber was soll ich machen? Um Ruhe bitten? Das bringt mir erst recht Unruhe. Also anlaufen und hoffen. Nix! Beim dritten Versuch verwandt ich eine List. Ich tigerte in der Nähe der Ablaufmarke hin und her als wäre ich noch unentschlossen, nicht bereit. Innerlich aber arbeitete ich den letzten Versuch akribisch durch und dann lief ich für alle völlig unvermittelt los. In aller Ruhe, meines Könnens gewiss, kraftvoll, schnell, hoch rüber, und – Nein! Wie das?! Wie konnte das passieren? Ich war doch rüber. Keine wahrnehmbare Berührung. Naja, so ist das eben beim Hochsprung. Manchmal ist die Latte auf Deiner Seite, manchmal spielt sie nicht mit. In Budapest in 18 Tagen kriegt sie eine zweite Chance… Der Fehler lag natürlich bei mir. Ich war einfach einen Zentimeter zu nah, also zu weit hinter die Latte gesprungen. Im Grenzbereich entscheiden Millimeter, nicht nur in der Höhe. Der Gipfel muss auch genau an der richtigen Stelle liegen: 3cm vor der Latte nämlich. Sonst kommt die Drehung zu spät. Und 4 cm davor kommt sie natürlich zu früh.

 

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