Nachdenkliches zur WM in Lyon

27.08.2015 08:00

Kritischer Zugang. Der Versuch, Vergleichsergebnisse im Wurfmehrkampf von Lyon mit gemeldeten Punktzahlen zur DM in Zella-Mehlis zusammenzustellen, scheiterte teilweise an unvollständigen Ergebnislisten der WM in Lyon 2015. Selbst nach dem Abschluss der WM fehlen vollständige Ergebnisübersichten. Es lässt sich eine Fülleweiterer Mängel aufzählen. Dabei lauft man Gefahr, die Waage der Kritikpunkte allzu negativ zu belasten, da Positives in der Regel als selbstverständlich hingenommen wird. Man bedenke, dass die Entscheidung für einen Veranstaltungsort Jahre vor dem Veranstaltungstermin fällt. So entschied sich die Generalversammlung 2015  für Malaga in Spanien als den Veranstaltungsort der WM 2018. Venedig hatte das Nachsehen. Die Nähe der Veranstaltungsorte und die gute Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel gaben den Ausschlag für Malaga. Wer trägt nun Schuld, wenn 2018 wieder Mängel auftreten, die zurzeit noch nicht vorhersehbar sind? Es ist müßig, Schuldige zu suchen. Vielmehr gilt, aus Fehlern für die Zukunft zu lernen und Bewährtes beizubehalten oder zu optimieren.

Attraktive Stadt Lyon. Die Erfahrungen von Lyon zeigen, dass die Stadt an sich ein attraktiver Anziehungspunkt für die Sportler war und diesbezüglich alle Erwartungen erfüllt hat. Kultur, Sehenswürdigkeiten, herrliche Parks, zwei Flüsse, eine attraktive Altstadt, gemütliche Restaurants!  Wer wollte, konnte die Stadt genießen. Das "alte Lyon" war ein Treffpunkt der Athleten, die abends aus sämtlichen Stadien zusammenströmten. In fröhlichen internationalen Runden wurde in Straßenrestaurants und -cafés Erfolge und Misserfolge diskutiert, aber auch Kritik geäußert.

Missfallen entzündete sich zu unterschiedlichsten Erfahrungen in den Wettkampfstätten: Schmutzige oder zu wenige Toiletten erzeugten Ekel, defekte Maßbänder Erzürnung, zu lange Wartezeiten in der Sonne sorgten für Frust, uneinheitliche Gewichte für Entrüstung, fehlende Rundenzählung im Cross für Ärger. Qualifikationseinteilungen mit nur einem Läufer, der automatisch weiter kam, verursachten Ungerechtigkeiten. Dürftiges Essen mit lediglich gepfefferten Preisen führten zu Unzufriedenheit. Zusätzlich trieben zu wenig ausgegebene Fahrkarten die Kosten nochmals in die Höhe.

Es waren Spiele der drei Disziplinen: Lauf und Sprung im Stadion, Wurf  auf der grünen Wiese und Langlauf und Gehen im Park.
  

Die Unzulänglichkeiten in den technischen Disziplinen aufzuzählen, würde Seiten beanspruchen. Sie erstreckten sich vom falschen Messen auf Grund defekter Maßbänder, von primitiven Absprungbrettern, von falschen Gewichten, von Doppelbelegungen, die ad hoc einen aufwendigen Stadionwechsel erforderten, bis hin zu unzumutbaren Verzögerungen in praller Sonne oder zeitinensiven Fahrten zur Siegerehrung im Hauptstadion. Friedhelm Adorf (M70) bemängelt  eine totale fachliche Überforderung der Veranstalter und resümiert:  "Nun sind einige Tage vergangen und die negativen Erfahrungen von der WM belasten mich noch immer. Ich  habe seit 2010 jede Deutsche, Europäische und Welt-Meisterschaft als aktiver Sprinter über 100m,  200m, 400m sowie im Weitsprung als Teilnehmer miterlebt,... Ich hatte teilweise den Eindruck, dass Kreismeisterschaften besser organisiert sind.  Man konnte jeden Tag Verbesserungen feststellen, aber das lag wohl am unermüdlichen Einsatz von Frau Jungmann." Das Foto (© Laszlo Ertl) zeigt F. Adorf beim Absprung von der aufgemalten Absprunglinie.

Die Geher zeigten sich vom Parillypark sehr angetan. Spendete er doch Schatten und lockte so manchen Zuschauer an. Die Siegerehrungen wurden an Ort und Stelle durchgeführt. Lediglich die Mannschaftsehrungen, das galt auch für den Crosslauf, fanden im weit entfernten TIC-Gebäude statt. Marathon und Halbmarathon starteten zusammen. Dies führte zu relativer Enge im Startbereich. Zudem fühlten sich die Läufer des Halbmarathons ein wenig frustriert, wenn Teilnehmer des Marathons an ihnen vorbeizogen. 

 

Durchweg glücklich, ja sogar begeistert, zeigten sich die Akteure im Hauptstadion, vor allem die Läuferinnen und Läufer. Eine emotionale und kenntnisreiche Ansage verursachte Begeisterung und Aufmerksamkeit. Das geflüsterte "pschsch" des Ansagers sorgte für Ruhe beim Start. Stimmgewaltig animierte er die Zuschauer zu frenetischem Applaus und stehenden Ovationen beim Zieleinlauf. Besonders stimmungsvoll erwies sich die Regie der 4x400m-Staffelwettbewerbe. Transparenz und Spannung zeichneten ihre Dramaturgie aus. Eine dreiviertel Stunde von dem jeweiligen Lauf erschien das Teilnehmerfeld im Marathontor und begab sich geführt in den Innenbereich des Stadions. Der Aufwärmbereich auf dem Rasen war von der Tribüne sehr gut einsehbar. Die Protagonisten wurden kurz vor dem Staffelstart nach Nationen und Bahnverteilungen zu Bänken hinter der Torlinie geführt, wo sie für die Betrachter ein buntes Bild abgaben. Unmittelbar vor dem Start, noch während die vorhergehende Altersklasse um die Plätze kämpfte, leitete man die Mannschaften an die Startplätze. Dort verharrten sie entsprechend ihrem Einsatz reihenweise in Wartestellung. Nach Beendigung der letzten Staffel durften sich alle Medaillenmannschaften am Rande der 100m-Bahn, den Zuschauern auf der überdachten Tribüne zugewandt, zur globalen Siegerehrung einfinden. Dort herrschte ausgelassene Stimmung. Sie  setzte sich nach dem Auszug aus dem Stadion auf dem Vorplatz fort, wo weltmeisterliche Verständigung, Fröhlichkeit und Tanz die WM abschloss.