Offener Brief an Charles Friedek

16.10.2015 16:00

Sehr geehrter Herr Friedek. Hiermit gratuliere ich Ihnen zum Gewinn des Rechtsstreites mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB).

    Sieben lange Jahre kämpften Sie vor Gericht, um die Ungerechtigkeit Ihrer Nichtnominierung im Dreisprung zu den olympischen Spielen 2008 in Peking klarzustellen. Sie hatten die Olympianorm zweimal innerhalb eines Wettbewerbs erfüllt. In eigenmächtiger Auslegung der Satzung forderten Verantwortliche von Ihnen die Normerfüllung in unterschiedlichen Veranstaltungen. Das war nicht rechtens, wie das aktuelle Urteil belegt.

    Damals entschieden Sie sich trotz tiefer Enttäuschung mit dem Sport weiter zumachen. Heute geben Sie Ihr Wissen als Bundestrainer an den männlichen Nachwuchs im Dreisprung weiter.

    Als Aktiver im Masterssport  böte sich Ihnen die Gelegenheit, Ihre damaligen Träume und Entscheidungen wiederum wahr zumachen. Sie könnten im kommenden Jahr die M45 bereichern. Das mögliche Schmerzensgeld von über 100tausend Euro würde Ihnen zwar kaum erlauben, sich zur Ruhe zu setzen, es würde aber problemlos zur Finanzierung von Reisen zu Meisterschaften ausreichen. Als prominenter Aktiver könnten Sie dazu beitragen, dem Masterssport Anerkennung zu verschaffen und den Dreisprung auf zuwerten. Vielleicht schaffen Sie es sogar zum "World Best Masters" und erhalten eine Einladung  von IAAF zur Gala in Monaco.

Alles Gute, Ihr Alfred Hermes

 

Hintergründe, Wertungen und Presseberichte
    Die FAZ (1) schreibt zum Urteil: "Wer den ehemaligen Dreispringer Charles Friedek einmal im Training erlebt hat, der weiß, dass er erst aufgibt, wenn er wirklich kaputt ist. Oder wenn er gewonnen hat ". Mit dem DOSB hat auch Friedeks heutiger Arbeitgeber, der Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), juristisch und damit auch moralisch den Kürzeren gezogen.

    Nachdem Friedek 1999 in Sevilla Weltmeister im Dreisprung geworden waren, berichtete die Berliner Zeitung [#Artikel BZ] (2), dass sein Berufswunsch nach der Leichtathletik sei, nicht arbeiten zu müssen.

    Nach der Ablehnung der Nominierung zu Olympia 2008 fühlte sich Friedek laut FAZ (3) tief verletzt. Mit Recht, wie wir heute wissen. Wenn der DLV Verbandschef Dr. Clemens Prokop nach dem Urteil laut DPA (4) sagt, ein Fall Friedek wäre heute so nicht mehr möglich, da der DLV die Lücke im Regelwerk längst geschlossen habe, ändert dies nichts an dem an Friedek begangenem Unrecht. Vielmehr demonstriert die Äußerung, dass juristisches Recht sich manchmal über empfundene Gerechtigkeit und Sinnhaftigkeit erhebt: Wer zweimal hintereinander in einem Wettkampf die Olympianorm erreicht, hat wahrscheinlich mehr geleistet als derjenige, der sich nach erholsamer und regenerativer Pause ein zweites Mal der Herausforderung stellt.

Quellen
(1) Der späte Sieg des Dreispringers.  Frankfurter Allgemeine, Achim Dreis, 16.10.2015
(2) Die andere Seite der Medaille. Berliner Zeitung,

(3) Ein tief verletzter Athlet.  Frankfurter Allgemeine, Michael Reinsch, 08.02.2008
(4) Charles Friedek gewinnt Rechtsstreit gegen DOSB.  Leichtathletik.de, dpa 13.10.2015
(5) Charles Friedek, Wikipedia